TED Radar: Ausschreibungen finden, die im Kleingedruckten stehen
KI-Screening für EU-Vergaben, bis in die Leistungsbeschreibung
Marco Struck, Geschäftsführer und CTO
Veröffentlicht
Was ist TED Radar?
TED Radar ist ein KI-Screener für EU-weite Ausschreibungen. Er holt jede Nacht die neuen Bekanntmachungen aus der europäischen Vergabedatenbank TED, lädt die Vergabeunterlagen von der jeweiligen Plattform nach und bewertet beides mit einer KI. Morgens steht eine sortierte Liste bereit.
Der Unterschied zu einem Ausschreibungsdienst liegt in der zweiten Stufe. Übliche Dienste filtern Bekanntmachungen. TED Radar liest die Leistungsbeschreibung, also das Dokument, in dem die Anforderungen wirklich stehen.
Gebaut wurde er 2026 für ein Unternehmen im öffentlichen Nahverkehr. Dieser Artikel beschreibt, wie er arbeitet, was sich dabei als falsch erwiesen hat und wo die Grenzen liegen.
Für wen lohnt sich das?
Für Unternehmen, deren Suchkriterium in keinem Branchencode steht.
Ein Beispiel: Ein Gebäudetechniker will wissen, in welchen Bauvergaben eine Wartung über die ganze Vertragslaufzeit gefordert wird. Diese Pflicht steht nicht im Titel der Ausschreibung. Sie steht auf Seite 40 der Leistungsbeschreibung. Kein Suchprofil der Welt findet sie.
Weitere Fälle aus demselben Muster:
- Ein Softwarehaus sucht IT-Ausschreibungen mit einer bestimmten Schnittstelle.
- Ein Logistiker will nur Verträge mit Gefahrgut oder Kühlkette sehen.
- Ein Ingenieurbüro sucht Generalunternehmer-Aufträge, in denen die Planung steckt.
Im Projekt war es eine Dienstleistung im öffentlichen Nahverkehr. Der Kunde erbringt sie bundesweit, fährt die Verkehre außerhalb seiner Region aber nicht selbst. Er sucht also Vergaben, in denen diese Anforderung als Pflicht mitläuft, und bietet dem örtlichen Betreiber an, sie zu übernehmen. Für manche Bieter ist die Pflicht ein Ausschlussgrund. Genau daraus entsteht das Geschäft.
Das Muster ist immer dasselbe: Die Leistung ist nie ein eigener Auftrag, sondern eine Anforderung im Vertrag eines anderen.
Warum reicht ein Filter nach CPV-Codes nicht?
Weil die Vergabestelle den Code frei vergibt und eine Nebenleistung fast nie eigens kodiert wird.
CPV-Codes sind das Branchenverzeichnis der EU-Vergabe, über 9.000 Stück. Jede Bekanntmachung trägt mindestens einen. Wer nach den Codes seiner eigenen Leistung sucht, findet deshalb nur die Ausschreibungen, in denen sie die Hauptsache ist. Steckt sie als Pflicht in einem fremden Vertrag, trägt die Bekanntmachung den Code der Hauptleistung.
TED Radar dreht den Filter um. Ausgeschlossen wird, was nie passt, etwa Bauleistungen oder Lieferungen. Alles andere bleibt drin. Die Codes sind hierarchisch aufgebaut, eine Oberkategorie schließt also hunderte Untercodes mit aus.
Das erzeugt bewusst viel Material. Rund tausend Bekanntmachungen erscheinen täglich auf TED. Aussortiert wird danach von der KI, nicht vorher vom Filter.
Warum Suchprofile aus Codes und Stichworten grundsätzlich zu kurz greifen und was semantische Suche und KI-Bewertung unterscheidet, beschreibt der Beitrag KI-Ausschreibungssuche: Passende Ausschreibungen im Freitext finden.
Warum reicht die Bekanntmachung nicht?
Weil das entscheidende Wort oft nicht darin vorkommt.
Im Projekt schickte der Kunde eine Ausschreibung, in der „Rufbus“ stand. Im TED-Text kam das Wort nicht vor. Es stand in Teil 2 der Vergabeunterlagen, ganz am Ende, auf der Vergabeplattform des Landkreises.
TED ist nur das Einfallstor. Die eigentlichen Unterlagen liegen auf deutschen Plattformen: subreport ELViS, Vergabe24, das Deutsche Vergabeportal, RIB, evergabe und die Portale der Länder. Dort steht die Leistungsbeschreibung, und dort steht, was der Auftragnehmer wirklich leisten muss.
TED Radar bewertet deshalb zweimal. Die Bekanntmachung liefert die Ersteinschätzung, die Leistungsbeschreibung das Urteil. Widersprechen sich beide, gewinnt die Leistungsbeschreibung.
Diese Regel kam vom Kunden. Ein TED-Text war grün bewertet, die Leistungsbeschreibung sprach von „tourenbasiert und vorab geplant“, also genau nicht von dem gesuchten Bedarfsverkehr. Die zweite Stufe bewertete rot. Der Kunde dazu: „Wenn die Leistungsbeschreibung rot ist, brauchen wir den grünen Balken nicht mehr.“
Wie kommt TED Radar an die Unterlagen?
Über individualisierte Download-Mechanismen, einen je Vergabeplattform.
Zwölf Plattformen sind heute angebunden. Jede liefert ihre Unterlagen anders aus, und keine ist dafür gemacht, dass eine Maschine sie abholt. Auch die Benennung wechselt: Leistungsbeschreibung, Leistungsverzeichnis, Spezifikation. Das Format ebenso, PDF, Word oder Excel.
Dieser Teil hat im Projekt die meiste Zeit gekostet. Er ist der Grund, warum ein gewöhnlicher Ausschreibungsdienst bei der Bekanntmachung aufhört.
Fertig wird er nie. Ändert eine Plattform ihren Ablauf, muss der Mechanismus nachgezogen werden. Das gehört zum Betrieb und ist nicht Teil der Einführung.
Was passiert in einem Nachtlauf?
Vier Phasen, gesteuert von einem Zeitplan, den der Kunde selbst einstellt.
- Import. Neue Bekanntmachungen kommen aus der TED-Schnittstelle, gefiltert nach Land, CPV-Ausschlussliste und Art der Bekanntmachung. Bereits vergebene Aufträge werden nicht geladen.
- Ersteinschätzung. Die KI liest den Bekanntmachungstext und vergibt einen Wert von 0 bis 100 mit Begründung.
- Tiefensuche. Das System holt die Leistungsbeschreibung von der Vergabeplattform und liest sie, unabhängig vom Dateiformat. Schlägt ein Abruf fehl, wird er im Lauf des Tages wiederholt.
- Zweite Bewertung. Derselbe Prompt, diesmal auf dem Text, der zählt.
Dazu kommt, was ein Werkzeug im Alltag braucht. Treffer lassen sich markieren und als Excel exportieren, mit Wert und Begründung. Gelöschtes wandert in einen Papierkorb, damit man eine Ausschreibung nicht zweimal prüft. Eine Spalte zeigt die Plattform, eine Analyseseite zeigt, wo Unterlagen gefunden wurden und wo nicht.
Was hat sich im Projekt als falsch erwiesen?
Vier Annahmen, die vor dem ersten Lauf vernünftig aussahen.
- Die KI trifft von Anfang an das RichtigeDie erste Bewertung suchte die Dienstleistung allgemein und fand sie bei Krankenkassen, Helpdesks und Störmeldezentralen. Alles grün, für den Kunden alles tiefrot. Erst gemeinsames Durchlesen des Prompts brachte die Wende. Die Synonyme der Branche kennt der Kunde, nicht das Modell.
- Der Aufwand verteilt sich wie die AusbeuteEr verteilt sich umgekehrt. Der größte Teil der Unterlagen kommt über die einfachen Wege herein. Die schwierigen Plattformen liefern die wenigsten Treffer und kosten die meiste Entwicklungszeit. Gebraucht werden sie trotzdem, denn es sind oft genau die, die dem Kunden wichtig sind.
- Ein Download-Mechanismus ist irgendwann fertigEine einzige neue Einblendung auf einer Plattform reichte, um einen anzuhalten. Sie werden beobachtet und nachgezogen, nicht abgehakt.
- Vorinformationen sind uninteressantDer Kunde fand darunter besonders viele passende Verfahren. Der Grund ist das Marktkundungsverfahren: Aufgabenträger müssen drei Monate vor der Vergabe veröffentlichen, dass sie etwas vorhaben. Das ist Vorlauf, den sonst niemand hat. Unterlagen tragen diese Meldungen allerdings selten.
Ein Nebenbefund kam dazu, mit dem niemand gerechnet hatte. Unter den Treffern waren Patientenfahrten, ein Geschäftsfeld, an das der Kunde vorher nicht gedacht hatte. Ein Screening, das offen bleibt, findet auch, wonach niemand gesucht hat.
Wo sind die Grenzen?
- TED beginnt erst oberhalb der EU-SchwellenwerteSeit dem 1. Januar 2026 liegen sie bei 5.404.000 Euro für Bauaufträge und 216.000 Euro für Liefer- und Dienstleistungen. Für Sektorenauftraggeber gelten 432.000 Euro. Alles darunter wird national ausgeschrieben und steht nicht auf TED. Wessen Tagesgeschäft unterhalb der Schwelle liegt, braucht ein anderes Werkzeug.
- Nicht jede Plattform gibt ihre Unterlagen herWo der Abruf nicht gelingt, bleibt es bei der Ersteinschätzung aus dem TED-Text. Das Risiko ist der Blindgänger: Im Text steht zu wenig, und die Leistungsbeschreibung hätte Substanz gehabt. Die Analyseseite macht sichtbar, wo das passiert.
- Die KI bewertet, sie entscheidet nichtWert und Begründung sind eine Vorsortierung. Was daraus wird, entscheidet der Mensch, der die Liste liest.
Häufige Fragen
Muss ich meine Zugangsdaten zu den Vergabeplattformen herausgeben?
Nein. Ihre Konten bleiben bei Ihnen, und TED Radar meldet sich nirgends in Ihrem Namen an. Für die Teilnahme am Verfahren nutzen Sie die Plattform weiterhin selbst.
Findet TED Radar auch nationale Ausschreibungen?
Nein. TED bildet nur Vergaben oberhalb der EU-Schwellenwerte ab. Nationale Verfahren stehen auf anderen Portalen und sind nicht Teil des Systems.
Welche KI wird verwendet?
Der Anbieter ist frei wählbar. Im Projekt läuft Gemini, weil die Umgebung ohnehin bei Google liegt und die Kosten so an einer Stelle sichtbar sind. Jeder Kunde bekommt eine eigene Instanz mit eigenem Schlüssel.
Wie lange dauert die Einrichtung?
Der Zugang steht am selben Tag. Die Kalibrierung der Bewertung dauert länger. Im Projekt waren dafür drei Termine über drei Wochen nötig, bis die Treffer saßen.
Was passiert, wenn eine Plattform die Unterlagen nicht herausgibt?
Die Ausschreibung fällt nicht aus der Liste. Sie behält die Ersteinschätzung aus dem TED-Text und wird in der Analyseseite als Fall ohne Unterlagen geführt.
Was hat das Projekt gebracht?
Der erste Treffer, der zu einem Gespräch führte, war die Ausschreibung eines Aufgabenträgers. Der Kunde fand darüber einen Kontakt vor Ort. Genau das war das Ziel aus dem Erstgespräch: eine Ausschreibung finden und den örtlichen Betrieb als Partner ansprechen.
Nächster Schritt
- Das Kriterium benennen, das in keinem CPV-Code steht
- Zwei oder drei Ausschreibungen heraussuchen, die klar treffen sollen
- Testzugang einrichten und die Bewertung an diesen Beispielen kalibrieren
- Vier Wochen laufen lassen und die Liste gegen das eigene Screening halten
Keine relevante Ausschreibung mehr übersehen, weil das Entscheidende auf Seite 40 stand.
